ADHS, Bindung und Trauma

Während der Vorbereitung für ein Seminar zu diesem Thema, das ich Ende Monat in Kirgistan geben werde, bin ich wieder einmal überwältigt von der Tatsache, dass die Symptome dieser drei Störungsbilder so viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen haben.

Die Stressreaktion bei Trauma läuft über die HPA-Achse (engl. hypothalamus-pituitary-adrenocortical axis), die sogenannte Stress-Achse, und über das noradrenerge System (Noradrenalin-System) im Gehirn. Ziel ist das Überleben. Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet, dann wird die Ausschüttung von Cortisol gehemmt, um wieder zu einem Gleichgewicht zu führen. Menschen mit (k)PTSB haben eine hyperaktive HPA-Achse und sind konstant übererregt und hypervigilant. Sie haben ein permanent überhöhtes Niveau an Noradrenalin. Das führt zu schlechter Impulskontrolle und Hyperaktivität, aber auch zu einer konstanten Ermüdung und eventuell Muskel- und Gelenkschmerzen. Frühe Traumatisierungen haben ausserdem einen starken Einfluss auf u.a. die Bindungsentwicklung, die soziale und emotionale Entwicklung, auf die Konzentration/Aufmerksamkeit und auf die Exekutivfunktionen, wie Entscheidungsfindung und Planung.

Auch bei der Bindung sind Hormone ausschlaggebend. Das sogenannte Bindungshormon ist Oxytocin. Dies wird in erster Linie durch die Wehenaktivität vor der Geburt ausgeschüttet, aber auch beim Stillen und beim Hautkontakt nach der Geburt. Oxytocin erreicht auf neuronalem Weg viele verschiedene Areale des Gehirns und beeinflusst deshalb viele Hirnfunktionen, u.a. die Kontrolle der Angst, die Gedächtnisbildung, das Belohnungssystem, das Wohlbefinden und vieles mehr, aber auch unter anderem die HPA- oder Stress-Achse! Oxytocin reduziert Stress, indem es den Cortisolspiegel senkt.

Bei einer normalen Entbindung verfügt das Neugeborene über einen höheren Oxytocinspiegel als die Mutter, da es Oxytocin für sich selbst bildet. Ein Kaiserschnitt oder eine geplante Geburt haben einen Einfluss auf den Oxytocinspiegel. Und Menschen mit einem unsicherem Bindungsmuster haben einen niedrigeren Oxytocinspiegel als Menschen, die sicher gebunden sind. Unsicher oder desorganisiert gebundene Menschen haben Mühe mit der Selbstregulation, können sich nicht auf andere verlassen und nur schlecht oder gar nicht Hilfe annehmen, und oft zeigen sie kontrollierendes Verhalten. Wenn ein Säugling kein sicheres Bindungsmuster entwickeln konnte, weil keine verlässliche und fürsorgliche Bindungsperson da war, dann ist das an sich schon ein frühkindliches Trauma und zwar, würde ich behaupten, eines der schlimmsten Traumata, die man sich vorstellen kann, denn es beeinflusst die Wahrnehmung von Selbst und der Welt grundlegend und Vertrauen konnte nie aufgebaut werden.

ADHS, schliesslich, wirkt sich auf ganz ähnliche Bereiche aus, wie z.B. die Selbstregulation, die Exekutivfunktionen, die soziale und emotionale Entwicklung und die Bindungsentwicklung. Beteiligte Strukturen im Hirn sind der rechte präfrontale Kortex (wo die Exekutivfunktionen angesiedelt sind), das Striatum und der Nucleus Accumbens als Bindeglied zwischen dem limbischen System (Emotionen) und der Motorik. Das Striatum hat hauptsächlich hemmende Funktionen und gehört zum Belohnungssystem des Hirns, sowie der Nucleus Accumbens auch, wo sich unter anderem die Dopaminsysteme von Motorik und Motivation treffen. Dopamin ist wichtig für die Regulation der Motorik, des Lernens, Gedächtnis, der Motivation und Kognition. Hier ist also Dopamin das wichtige Hormon. Voraussetzung für die Nutzung der Exekutivfunktionen ist die Verfügbarkeit von ausreichend Dopamin. Dopamin wirkt antriebssteigernd, aber bei Menschen mit ADHS wird Dopamin zu schnell wieder resorbiert. Die Hyperaktivität ist dann auch als Kompensation zu verstehen. Menschen mit ADHS versuchen, die unzureichende Stimulation, durch Mangel an Dopamin, mit Aktivität zu verstärken. Alles, was als belohnend erlebt wird, kann die Ausschüttung von Dopamin fördern.

Die Hypothese ist also, dass ADHS ein multifaktorielles Geschehen ist, verursacht durch komplexe Gen-Umwelt Interaktionen. Und unter den wohl bedeutendsten Umweltfaktoren ist wohl das Wohlergehen der Mutter während der Schwangerschaft. Wenn die Mutter unverarbeitete Traumata hat und/oder übermässigen Stress (inkl. Gewalt) erlebt während der Schwangerschaft, beeinflussen die Stresshormone der Mutter die Genexpression im Gehirn des ungeborenen Kindes. Denn die HPA-Achse entwickelt sich bereits während der Schwangerschaft und weiter im ersten Lebensjahr des Kindes. Wenn die Stressachse des ungeborenen Kindes aktiviert wird, führt das zu einer Ausschüttung von Cortisol, was einen Einfluss auf die Gedächtnisfunktionen, Vigilanz und Aufmerksamkeit des Kindes haben kann. Dies kann die Stressachse des Kindes und den Spiegel und die Verteilung der Neurotransmitter (wie Dopamin, Noradrenalin, usw.) dauerhaft ändern.

Und so entsteht ein multifaktorielles Entstehungsmodell von ADHS, wo sowohl Genvarianten, wie auch Umweltfaktoren, wie ungelöste Traumata der Mutter (und später auch des Kindes) und Bindungsstörungen der Mutter und des Kindes, zusammen mit der Gehirnentwicklung des Kindes, v.a. in Zusammenhang mit der Stressachse, zu ADHS führen kann. Und ich würde behaupten, all dies könnte auch zu Autismus führen.

Tja… was machen wir also jetzt damit? Erstens müssen wir uns die Behandlungsansätze von Kindern mit ADHS genau überlegen in Hinsicht auf dieses multifaktorielles Entstehungsmodell. Es braucht also in erster Linie ein psychodynamisches Beziehungsangebot, mit positiver Bindungserfahrung, dann evtl. (wahrscheinlich?) Traumabewältigung und schlussendlich das Trainieren von Fertigkeiten wie bessere Stressregulation, Affekt- und Impulskontrolle und Stärkung der Empathie- und Mentalisierungsfähigkeit. Aufgrund dieser Fakten brauchen Kinder mit ADHS, sowie Kinder mit Bindungsstörungen und/oder frühkindlichen Traumata in erster Linie eine kontinuierliche, wohlwollende, anerkennende und wertschätzende Beziehung zu einer verlässlichen Bindungsperson. Sind wir bereit dazu oder ist es einfacher, sie mit Medikamenten ruhigzustellen, ohne die Ursache der Verhaltensauffälligkeiten zu berücksichtigen?

Vielen Dank an Dipl.-Psych. Monika Dreiner und das Schweizer Institut für Psychotraumatologie in Winterthur für diese sehr aufschlussreiche Wissensweitergabe!

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