Diese Woche half ich in einem Lager für alleinerziehende afghanische Frauen und ihren Kindern. Dabei fielen mir zwei Sachen besonders auf.
Erstens hatte es zwei Kinder mit frühkindlichem Autismus im Lager. Als ich ihre Mütter nach ihrer Schwangerschaft und dem ersten Lebensjahr der Kinder fragte, bestätigten beide, dass ihre Schwangerschaften geprägt waren von Angst und Stress und sie weder in der Schwangerschaft noch danach viel mentale Kapazität hatten, sich auf ihr Baby einzulassen. Was passiert, wenn wir uns intensiv um traumatisierte Schwangere kümmern und ihnen trotz des Traumas und der stressvollen Situation helfen, sowohl pränatal als auch präverbal eine sichere Bindung mit ihren Babies aufzubauen? Können wir dadurch die Entwicklung von Autismus oder vielleicht sogar andere Verhaltensauffälligkeiten, die vielleicht eine Folge einer Bindungsstörung sind, verhindern?
Zweitens beobachtete ich am letzten Abend ein durchaus interessantes Phänomen unter den Frauen. Die Freundin, die das Lager organisiert hatte, hatte selbst einige Jahre in Afghanistan gewohnt und hatte eine Kiste mit Verkleidungsstücken dabei, unter anderem auch mit ein paar Burkas und Talibantüchern/-turbanen. Als sie sich selbst eine Burka aufstülpte und sich damit in die Runde der tanzenden Frauen begab, wurden diese nicht etwa getriggert, sondern fingen laut an zu lachen. Anschliessend wollten sie selber die Burkas anziehen und einige verkleideten sich als Talibane, mitsamt Turban und Verkleidungsbart. Es wurde laut gelachen und sogar Rollenspiele durchgeführt. Zwei der Frauen kamen zu mir, um um die Hand meiner Tochter zu werben, so ganz wie sie es selbst wohl erlebt hatten.
Zuerst war ich erstaunt, dass die Frauen anscheinend so viel Spass an diesem Verkleiden hatten, auch mit Sachen, die sie sehr wohl mit traumatisierenden Ereignissen verbinden. Und dann realisierte ich, was hier geschah. Dies war Spieltherapie für traumatisierte Frauen. Sie hatten die vollständige Kontrolle über das Spiel. Sie konnten sich mit Burka oder mit Talibanturban so verhalten, wie sie das wollten. Sie konnten sich als Talibane dumm oder lustig, aber auch kraftvoll verhalten – ganz wie sie das wünschten. Statt hilflos zu sein, hatten sie in dieser Situation die Kontrolle. Sowie Kinder vielfach durch das Spielen der traumatisierenden Situation das Erlebte verarbeiten, war auch dieses Verkleiden, im Rahmen eines lockeren, lustigen Abends, mit viel Musik und Tanz, ein Verarbeiten des Erlebten für diese Frauen. Faszinierend! Dies sollte noch viel öfter in Gruppentherapien gebraucht werden! Eine Frau kam später zu mir und sagte, sie hätte seit Übernahme der Taliban vor vier Jahren nicht mehr so fest gelacht wie an diesem Abend. Wie wunderbar!

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